Skip to content

Familiengeschichten aus Großharthau


(1) Die herrschaftliche Prinzenfamilie

 Die herrschaftliche Prinzenfamilie zu Großharthau

Der Journalist Adolf Stein schrieb in den Jahren 1920 bis 1935 als Beobachter der Berliner Kulturszene wöchentlich ein Feuilleton oder - wie er selbst sagt - einen "Plauderbrief unter dem Strich" in der "Täglichen Rundschau". Diese Glossen wurden jeweils im Folgejahr in Buchform herausgegeben.
Unzählige Informationen zu allen einigermaßen bedeutenden Personen der kulturellen und politischen Szene sind hier zu finden...
 Gesammelt und ins Netz gestellt wurden diese Glossen von
Karlheinz Everts aus Bad Honnef auf seiner Homepage.

 Stammbaum der herrschaftlichen Prinzenfamilie zu Großharthau


Kinder auf dem Foto:

  • Friedrich Günther, Prinz von Schwarzburg (1901-1971)
  • Irene, Prinzessin von Schwarzburg-Rudolstadt (1899-1939)
  • Marie Antoinette, Gattin des Grafen Friedrich Magnus (V) von Solms-Wildenfels, geborene Prinzessin von Schwarzburg-Rudolstadt (1898-1984)

Eltern auf dem Foto:

  • Günther Sizzo, Prinz von Schwarzburg, Prinz von Leutenberg (1860-1926)
  • Alexandra, Prinzessin von Anhalt-Dessau (1868-1958)

Großeltern:

  • Günther, Prinz von Schwarzburg-Rudolstadt (1793-1867)
  • Helene, Gräfin von Reina (1835-1860)
  • Friedrich I, Herzog von Anhalt-Dessau (1831-1904)
  • Antoinette, Prinzessin von Sachsen-Altenburg (1838-1908)

Ur-Großeltern:

  • Ludwig Friedrich II, Prinz von Schwarzburg-Rudolstadt (1767-1807)
  • Karoline, Prinzessin von Hesse-Homburg (1771-1854)
  • Georg, Prinz von Anhalt-Dessau (1796-1865)
  • Therese von Erdmannsdorff (1807-1848)
  • Leopold IV Friedrich, Herzog von Anhalt-Dessau (1794-1871)
  • Friederike, Prinzessin von Preussen (1796-1850)
  • Eduard, Prinz von Sachsen-Altenburg (1804-1852)
  • Amalie, Prinzessin von Hohenzollern-Sigmaringen (1815-1841)
  • Louise Dastorg (1762-1832)

Weitere Informationen finden Sie bei Glenn A. Steinberg


In einer der Glossen beschreibt Adolf Stein das Leben derer von Schwarzburg wie folgt:

..." Damals, 1910, träumte man auch noch nicht vom Film. Damals träumte man von dem Prinzen, der das Aschenbrödel einst heimführen würde. Damals starrte man nicht fette Filmdirektoren verzückt an, sondern seufzte einem vorüberreitenden Gardeoffizier nach. Oder man rannte um vier Straßenecken, um eine Hofkutsche zu sehen.
Darin ist kein Geschäft mehr, sagt die altkluge kleine Berlinerin. In Wien hat ein echter Habsburger eine Hopfengroßhandlung aufgemacht. Und in Deutschland geht es manchem ehemaligen Thronerben wie einem Kleinrentner. Die neuen politischen Emporkömmlinge aber, die Revolutionsgewinnler, reizen nicht einmal die Portiersgöhre. Sie glaubt nicht an den Bestand der neuen Herrlichkeit.

In einem Eisenbahnwagen 3. Klasse habe ich einmal den präsumptiven Erben eines der ältesten und reichsten Fürstenhäuser Deutschlands gesehen, den Fürsten Sizzo zu Schwarzburg, den alten Breslauer Leibkürassier, einen Riesen von Gestalt, Bismarckformat. Seine Kürassierstiefel hat er freilich nicht mehr, die hat er einmal, als es gar zu knapp war, verkaufen müssen. An diesem Sonntag findet ein Husarentag statt, zu dem er - er wurde seinerzeit vom König von Sachsen à la asuite der 20. Husaren gestellt - eingeladen ist. Wo nimmt man aber nur gleich die Husarenstiefel her ? Die kosten ja heute fast 200 Mark! Und die alte treue Seele, der pensionierte Gendarm aus dem Nachbarorte, der dem Fürsten Sizzo jetzt in Großharthau (das Dorf liegt zwischen Dresden und Bautzen) die Bücher führt, rechnet und rechnet, bis ihm der Schweiß perlt. Ich habe mir am vorigen Sonntag das Dorf und das sogenannte Schloss - es ist ein einfacher Kasten von Gutshaus - angesehen, in Abwesenheit des Fürsten. Man läuft gut 15 Minuten vom Bahnhof bis dahin, und wenn es regnet, wird man bekanntlich nass. Auch der Fürst Sizzo muss laufen, denn er hat nicht Pferd und Wagen, geschweige denn ein Auto, und wenn der jetzt im 65. Lebensjahr stehende alte Herr sein Heim erreicht, muss er hinten herum und eine eiserne Nottreppe außen hinauf, denn die Familie wohnt nur oben; die Räume der unteren Etage samt Vorder- und Hintertür sind dauernd geschlossen, denn Heizung kostet Geld, und das bisschen Reisig, das Frau und Tochter fast täglich im Walde sammeln, schafft es nicht. Die älteste Tochter, Marie Antoinette, hat im Januar geheiratet, den Erbgrafen Solms-Wildenfels. Die Hochzeit fand, ganz schlicht, in Großhartau statt; die Beschaffung von zwei neuen Hosen für zwei dabei aufwartende Diener wuchs sich fast zu einer Katastrophe aus.

Mag sein, dass es den Herrschaften nicht angenehm ist, wenn ich solche Einzelheiten auf den großen Markt bringe. Aber sie gehören als Zeiterscheinung in eine kulturgeschichtliche Plauderei. Ich habe schon früher bei einer anderen Gelegenheit, als der zuletzt regierende Fürst von Schwarzburg, der vor kurzem heimgegangen ist, noch lebte, die Sache des Gesamthauses zur Sprache gebracht. [Siehe 5.Band/Glosse 29 - d.Herausg.] Es ist ein europäischer Skandal, wie unsere neuen Freistaaten, nachdem sie zunächst widerrechtlich alle fürstlichen Vermögen - bei den Schwarzburgern über 100 Millionen Mark - beschlagnahmt hatten, sich gegen eine Wiedergutmachung sperren. Preußen hat schon alle Prozesse gegen den Prinzen Friedrich Leopold verloren, hat aber mit dem König von Preußen die Auseinandersetzung noch bis heute verschleppt. Und Thüringen hat den Meiningern das ihrige bereits zurückgegeben und auch dem Herzog von Gotha seine 8 Oberförstereien wiedererstatten müssen, stellt sich aber dem Hause Schwarzburg gegenüber noch tot.
Während die Scheidemann und Leinert und ähnliche Revolutionsgrößen 16 000 bis 22 000 Mark jährlich Pension erhalten, dazu noch rund 7000 Mark Diäten, also annähernd 25 000 bis 30 000 Mark, hat man dem Fürsten Sizzo zu Schwarzburg am 28. März dieses Jahres, wenn er auf alle weitergehenden Rentenansprüche verzichte, - 9000 Mark jährlich angeboten. Der Staat will ihm also 9000 Mark geben; aber Fürst Sizzo muss gleichzeitig 12 000 Mark Mietzinssteuer (!) für die Wohnung in Großhartau an den Staat entrichten!
Kompliziert wird die Angelegenheit noch dadurch, daß man den Fürsten zwingt, auf dem Prozeßwege seine Agnatenrechte, die längst von den beteiligten Fürstenhäusern festgelegt sind, noch einmal zu erweisen. Es handelt sich um einen alten Familienstreit, der in seinen Einzelheiten die Öffentlichkeit kaum interessiert, aber nun bis vor das Reichsgericht getrieben ist. Der Freistaat Thüringen sieht behäbig zu, denn Staaten haben ein längeres Leben, Prozeßgegner sterben weg, und wenn schließlich doch bezahlt werden muss, zahlt doch nicht "der Staat" oder gar ein Finanzminister persönlich, sondern nur das Volk, das Volk der Steuerzahler. Vielleicht wird bis dahin sogar der Kläger mürbe, weil er die Anwaltskosten nicht mehr aufbringt, die in diesem Falle besser situierte Verwandte - aus dem herzoglich-anhaltischen Haus Dessau - vorgeschossen haben.
Den fast 2 Meter langen birkenschlanken Erbprinzen und seine unverheiratete Schwester, die 26jährige Prinzess Irene, habe ich auf meinem Erkundungsausflug - oben hinter der Hühnerleiter - kennen gelernt. Es sind liebe junge Leute. Aber um keinen Prinzentitel der Welt möchte ich mit ihrer Einsamkeit tauschen. Nichts sein dürfen, nicht dienen dürfen, verbannt sein - und im Gespräch am Familientisch, denke ich mir, zum Frühstück der Prozess, zum Mittagessen der Prozess, zum Abendbrot der Prozess. Der Prozess, der Prozess, der Prozess! Das ist für alte verbitterte Leute vielleicht eine erträgliche Atmosphäre. Für junge Menschen stelle ich sie mir so entsetzlich vor, dass viel innere Kraft dazu gehört, um dabei senkrecht an Leib und Seele zu bleiben.
Nein, unsere Berliner Portiersgöhren wissen schon, dass, das kein Geschäft mehr ist. Die Not macht vor ehemaligen Fürstenhöfen nicht Halt. Da hat es ja, mit ihren Bedürfnissen und deren Befriedigung, ein Berliner Dienstmädel besser. Heute wieder gutes Essen und nahezu üppige Kleidung, dazu zweimal wöchentlich der Bummel: Theater oder Kino oder Tanz. ".....

1. Oktober 1925 (Donnerstag)